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„Es waren einmal zwei Dörfer …“

Die geschichtliche Entwicklung von Dörnberg und Ehlen

Ein Überblick des Geschichts- und Heimatvereins Habichtswald e.V.1991

Durch zahlreiche Funde (wie z.B. Steinbeil, Schaber, Keramikscherben …) wissen wir, dass in unserem Oberen Warmetal schon in der mittleren und der jüngeren Steinzeit Menschen lebten.
Der Dörnberg war bereits in der Zeit um 3600 v. Chr. und später etwa von 700 bis 600 v. Chr. in der vorrömischen Eisenzeit ein dauerhaft besiedelter Platz mit zentraler Bedeutung für die Region.

Seit dem frühen Mittelalter (ab etwa 800 v. Chr.) war das Warmetal ein oft von Kriegshandlungen heimgesuchtes Grenzgebiet zwischen den christlichen Franken (Karl der Große) und den „heidnischen“ Sachsen (Herzog Widukind), später dann zwischen dem mächtigen Erzbistum Mainz und der aufstrebenden Landgrafschaft Hessen.

1074 werden Aelehaine (Ehlen) mit seiner Kirche und Thurinkiberge (Dörnberg) anlässlich der Gründung eines Benediktinerklosters auf dem Hasunger Berg zum Andenken an den Hl. Heimerad, zum ersten Mal urkundlich erwähnt.

In einer 1086 abgeschlossenen Lebensbeschreibung Heimerads, der als Priester seit 1017 auf dem Berg lebte und dort 1019 starb, wird berichtet, dass er auch in der Kirche von Ehlen Gottesdienste abgehalten habe.
Diese erste Ehlener Kirche war wahrscheinlich das Gebäude, das später als „Steinscheune“ benutzt wurde. Die unteren Mauern (mit einem schönen Eingangsbogen) dieses wohl ältesten Kirchenbaus im Altkreis Wolfhagen, stehen noch heute.

Um 1100 ist die in Holzbauweise errichtete Igelsburg Sitz der Herren von Dörnber. Ein am Ort verbleibender Zweig der Familie stirbt im 14. Jahrhundert aus, der andere lässt sich an der Werra nieder und hat später in der Landgrafschaft Hessen bedeutende Ämter inne.

Mitte des 12. Jahrhunderts werden in Ehlen (abseits der Steinscheune), und in Dörnberg steinerne Wehrkirchtürme gebaut, die sowohl dem Schutz der Einwohner als auch dem Gottesdienst dienen; später werden Kirchenschiffe angefügt.

1438 kommt die Pfarrei des wüst gewordenen Dorfes Lutwardessen zu Dörnberg. Nach Aus- und Umbau von Turm und Kirchenschiff wird ein neuer Chor gebaut, der 1509 eingeweiht wird.
Seine eindrucksvollen Wandmalereien sind einmalig in Nordhessen. Ein besonderes Rätsel gibt bis heute die Darstellung eines großen Teufels auf, der grinsend in den Kirchenraum schaut.

1528 werden Dörnberg und Ehlen im Rahmen der Reformation in der Landgrafschaft Hessen evangelisch.

1578 wird die große Ehlener Glocke gegossen. Nachdem sie 1942, um der Einschmelzung zu entgehen, versteckt wurde, erfreut sie seit den 50er Jahren wieder die Ehlener mit ihrem besonderen Klang.

1605 wechselt die Landgrafschaft Hessen zum reformierten (calvinistischen) Glauben und in den Kirchen wird das biblische Bilderverbot durchgesetzt. In der Dörnberger Kirche werden die Wandmalereinen übertüncht.

Im Dreißigjährigen Krieg 1618 bis 1648 und, nach einer 100jährigen Zeit der Erholung und des Wiederaufbaus dazwischen, im Siebenjährigen Krieg 1756-1763 (wenn auch gemildert) werden die beiden Dörfer immer wieder von durchziehenden Truppen überfallen, ausgeplündert und gebrandschatzt, die notleidenden Menschen werden drangsaliert, oft auch geschändet und ermordet.

1710-1717 lässt der Landgraf den Herkules bauen. Dabei müssen auch die Dörnberger und Ehlener Untertanen die unentgeltlichen Hand- und Spanndienste (z. B. Bauarbeiten und Transporte mit eigenem Fuhrwerk) leisten.

1768 wird der außergewöhnlich hohe Ehlener Kirchturm im oberen Teil abgetragen und, verkürzt, mit neuer Haube und Turmzier wieder aufgebaut. In der Kugel der Spitze wird - wie später noch bei Renovierungen in den Jahren 1867, 1896, 1933 und 1974 - eine Chronik hinterlegt, die eindrucksvoll die Lebenssituation der Menschen in Ehlen beschreibt.

In der Zeit von 1776-1784 werden vom hessischen Landgrafen auch Dörnberger und Ehlener mit ihrer Truppe an England „vermietet“ und in Nordamerika gegen die für Unabhängigkeit kämpfenden Kolonisten eingesetzt. Viele bleiben jedoch als Siedler dort.

1807-1813 ist die Landgrafschaft Kernland des „Königreichs Westfalen", das nach der Besetzung durch Napoleon als Satelliten-Staat eingerichtet wird. Auch wenn das neue Recht viel Freiheit und Gleichheit bietet, bleiben wegen „Fremdherrschaft“ und Fürstentreue, sowie wegen der bedrückenden steuerlichen Belastungen, die Landbewohner erklärte Gegner der neuen Herrschaft. Bei der erzwungenen Teilnahme an Napoleons Russlandfeldzug fallen auch junge Dörnberger und Ehlener.

1809 scheitert ein von Oberst Wilh. von Dörnberg organisierter Aufstand gegen den König Jerome, Bruder Napoleons, an dem auch Männer aus Dörnberg und Ehlen teilnehmen. 1813 führt der gezielte Gewehrschuss eines Dörnbergers aus dem Hinterhalt auf einen abrückenden franz. General beinahe zu einer Katastrophe für das Dorf.

1817/18 wird das alte baufällige Ehlener Kirchenschiff abgerissen und unter Nutzung der Steine und Balken an derselben Stelle wieder aufgebaut. Auch die alten Bänke aus dem Jahre 1652 und die Kanzel werden eingebaut.

Von 1833-1867 (mit Unterbrechungen) sitzt ist der Ehlener Grebe (Bürgermeister) und Demokrat Johann Heinrich Knobel in der Ständeversammlung (Landtag) als mutiger und geachtete Vertreter der Bauern.

1881 gründet der Ehlener Bürgermeister Heinrich Knobel, konservatives Mitglied des Preuß. Abgeordnetenhauses, einen der ersten Darlehenskassenvereine in Hessen und sorgt insgesamt für einen wirtschaftlichen Aufschwung Ehlens.
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Um 1900 verschwindet in Dörnberg die bisher, wie in Ehlen noch heute, gesprochene niederdeutsche Mundart und es wird eine im Kasseler Raum verbreitete niederhessische Mundart übernommen,

1911 und 1915 werden in unseren Dörfern die ersten Trinkwasserleitungen verlegt bzw. elektrisches Licht installiert.

1914-1918: Im Ersten Weltkrieg verlieren 49 Dörnberger und 31 Ehlener Männer ihr Leben.

1932 errichtet der Arbeiter-Sport-Verein Ehlen in Eigenleistung eine Turnhalle, die bis in die 60er Jahre genutzt wird. In einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bauen Dörnberger den Sportplatz am Berg.

1933, nach der Machtübernahme Hitlers, siegt im März bei den schon nicht mehr freien Reichstagswahlen die NSDAP in Ehlen nur knapp und die SPD kann sich in Dörnberg als stärkste Partei behaupten.
Dörnberger und Ehlener Mandatsträger und Funktionäre der Arbeiterparteien werden in „Schutzhaft“ genommen und zum Teil schwer misshandelt.
Die Örtlichen Vereine und Verbände werden aufgelöst oder nach und nach gleichgeschaltet bzw. „auf Linie“ gebracht.

1934 werden die nach 1605 übermalten Wandbilder in der Kirche in Dörnberg unter der Tünche entdeckt, freigelegt und restauriert.

1939-1945 verlieren im 2. Weltkrieg 95 Dörnberger und 73 Ehlener ihr Leben.

Im April 1945 gelingt es mutigen Bürgern, die SS vom sinnlosen Kampf um die Dörfer abzuhalten und damit vor der Zerstörung durch die vorrückenden US-Truppen zu bewahren.

1946/1947 kommt ein großer Strom von Flüchtlingen in die Dörfer. 1946 sind es in Dörnberg 475 von 1602 Einwohnern, in Ehlen 275 von 1420. Die Eingliederung gelingt in den nächsten Jahren durch guten Willen auf beiden Seiten.

1946 und 1948, in den ersten Kommunalwahlen nach dem Krieg wird die SPD weitaus stärkste Partei und stellt bis 1972 die Bürgermeister in Ehlen und Dörnberg.

1955 wird das Dorfgemeinschaftshaus in Ehlen eingeweiht. Es ist das erste im damaligen Kreis Wolfhagen und wurde unter tatkräftiger Mithilfe der Bürger gebaut. .

Seit 1960 vergrößern sich beide Dörfer durch rege private Wohnbautätigkeit erheblich. Zielstrebig verbessert die Kommunalpolitik die Infrastruktur durch Erneuerung und Erweiterung der Kanalisation, der Wasserversorgung und durch den Straßenbau. Hinzu kommen Schul-, Kindergarten- und Sportplatzbauten und die Errichtung einer großen Mehrzweckhalle in Dörnberg.

1966 schließt mit der Zeche Marie das letzte Braunkohlebergwerk im Habichtswald, über 300 Jahre, in denen Ehlener und Dörnberger hier als Bergleute Arbeit fanden, gehen zu Ende.

Mit der Bildung der Großgemeinde Habichtswald 1972 endet die Jahrhunderte lange Selbstständigkeit der Dörfer Dörnberg und Ehlen. In der Formulierung „junge Gemeinde mit Tradition“ kommt dies gut zum Ausdruck.

Klaus Del Tedesco