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Geschichte des Dorfes Ehlen


von


Egon Jordan 

 


 

Im Jahre 1074 stellte Siegfried, Erzbischof von Mainz, eine Schenkungsurkunde für das Kloster Hasungen aus, mit der auch die Pfarrkirche von Ehlen mit ihrem Besitz dem Kloster zugesprochen wurde. Aus den Unterlagen kann man entnehmen, dass die Ehlener Kirche zu dieser Zeit im oberen Warmetal schon sehr einflussreich gewesen ist. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Ehlener Kirche wohl der Erzpriester-Kirche von Schützeberg bei Wolfhagen, welche zu dieser Zeit die wichtigste Kirche im Wolfhager Raum war, unterstellt.

 

Das Kloster Hasungen auf dem Burghasunger Berg, wenige Kilometer von Ehlen entfernt, wurde nach den vorliegenden Aufzeichnungen auf dem Grabe des Einsiedlers Heimerad errichtet, der einige Jahre bis zu seinem Tode in 1019 auf diesem Berge gelebt und gewirkt hat. Der von dem Hasunger Mönch Eckebert aufgezeichneten Vita (Lebensgeschichte) des Einsiedlers, kann man entnehmen, dass ihm ein Ehlener Bürger „Hemmo von Ehlen“ als Helfer zur Seite stand. Dieser Hemmo wird in der Vita auch als Diakon bezeichnet, sodass man annehmen kann, dass er der erste Ehlener Pfarrer gewesen ist. Auch wird dort berichtet, dass Heimerad mehrfach in der Ehlener Kirche gepredigt hat.

Aus diesen Informationen lässt sich eindeutig ableiten, dass Ehlen schon um das Jahr 1000 ein bedeutendes Kirchdorf gewesen sein muss, was sicher auch bedeutet, dass das Dorf schon vor dem Jahr 1000 gegründet worden ist. Jedoch gibt es aus dieser Zeit keine Urkunden, die zweifelsfrei die Existenz des Dorfes beweisen können. Der Name Ehlen lässt sich hinsichtlich seiner Herkunft recht unterschiedlich deuten. Solche schwer erklärbaren Namen weisen nach Meinung von Ortsnamensforschern darauf hin, dass es sich um einen sehr alten Ort handelt und der Name zu einer Zeit entstanden ist, als unsere deutsche Sprache in einer Frühform existierte.

Uns ist natürlich bewusst, dass für seriöse Geschichtsforscher nur Daten aus vorhandenen Urkunden als Beweis anerkannt werden. Insoweit kann man zusammenfassend feststellen, dass Ehlen 1074 erstmalig als bereits seit langem existierendes Kirchdorf urkundlich erwähnt worden ist.

 

Das Dorf wurde auf einer Anhöhe zwischen den beiden Bächen Warme und Erle errichtet. Hier befindet sich noch heute der Mittelpunkt der Dorfes, die Kirche und der Kirchturm.

 

In der Zeit von der Gründung des Klosters Hasungen bis zur Säkularisation (Auflösung), war die Geschichte des Dorfes Ehlen eng mir der des Klosters verbunden. Deshalb gibt es aus dieser Zeit eine Anzahl Urkunden in denen Ehlen (Aelehaine, Elheno, Elen, Elhen) erwähnt worden ist. All diese Urkunden zeigen, dass es immer wieder auch zu Auseinandersetzungen wegen des Besitzes Ehlener Güter kam. Die Besitzverhältnisse wurden erneuert oder auch wiederhergestellt. Insbesondere aber war es zu dieser Zeit immer wieder üblich, einen Teil seines Besitzes den Mönchen des Klosters „zum Seelenheil“ zu spenden, welche dafür nach dem Tode in regelmäßigen Abständen für den verstorbenen Spender beteten.

Dies führte dazu, dass sich der Besitz des Klosters auch in Ehlen permanent vermehrte.

 

 Das älteste Gebäude in Ehlen, die „alte Steinscheune“ wurde nach den derzeitigen Erkenntnissen im 11. Jahrhundert errichtet. Oberhalb des auf der Südost-Seite des Gebäudes sichtbaren, heute vermauerten Eingangs befindet sich ein Tympanon mit einem besoderen Kreuz. Fachleute haben festgestellt,dass es sich hier wohl um das älteste noch vorhandene Kirchengebäude im ehemaligen Landkreis Wolfhagen handelt. Der noch heute gebräuchliche Name „alte Steinscheune“ für diese erste Kirche lässt vermuten, dass das Gebäude später, nach dem Bau des Kirchengebäudes am heutigen Standort, wohl vom Kloster als Zehntscheune genutzt worden ist.

 

Im 12. Jahrhundert wurde der 32 Meter hohe mächtige Kirchturm aus behauenem Sandstein errichtet. Hier kann man im oberen Bereich erkennen, dass der Turm in seiner Geschichte mehrfach - zuletzt 1762 -  renoviert worden ist. Dabei sind die Arbeiten in dieser Höhe mit Bruchsteinen nicht so fachgerecht ausgeführt, wie bei Baubeginn. Die in dieser Höhe sichtbaren Fensteröffnungen sind umrahmt von romanischen Säulen und Bögen, die nach der Renovierung wieder an der alten Stelle eingefügt worden sind. Ob diese noch aus der Zeit der Errichtung des Turms stammen oder ob es sich um Teile, des 1527 aufgelösten Klosters handelt, kann heute nicht mehr geklärt werden. Sicher ist, dass 1762 eine umfassende Renovierung des Turmes erfolgte. Dabei wurde der gesamte obere Teil abgenommen und wieder aufgebaut. Zu dieser Zeit gab es auf dem Burghasunger Berg kaum noch Steine, die man hätte für den Turmbau verwerten können.

 Anzunehmen ist, dass bald nach der Errichtung des Kirchturms, im 12. oder 13. Jahrhundert auch die Kirche an der heutigen Stelle an den Turm angebaut worden ist.

 

Das heute noch vorhandene Hasunger Salbuch (Verzeichnis der Abgabepflichtigen bzw. der Abgaben) aus dem Jahre 1510 beschreibt u.a. ausführlich, welche Ehlener Bürger dem Kloster abgabepflichtig waren, welche Abgaben sie zu leisten hatten und in welchen Flurbereichen des Dorfes die Ländereien lagen. Bezüglich des Dorfes Ehlen gab es ein umfassendes „Waltrecht“ des Klosters. Dies ist die erste ausführliche Information über die Menschen, ihr Leben und Arbeiten im Dorf Ehlen.

Nach der Auflösung des Klosters 1528 durch den hessischen Landgrafen wurden die Rechte und Pflichten des Klosters im Auftrage des hessischen Landgrafen durch die Vogtei Hasungen übernommen. Da die gesamte Landgrafschaft von diesem Zeitpunkt an evangelisch wurde, erhielt auch Ehlen in dieser Zeit seinen ersten evangelischen Pfarrer.

 

Nachricht über die Menschen im Dorf Ehlen erhalten wir auch im Jahre 1610 in der sogenannten „Türkensteuerliste“, ein Abgabenverzeichnis zur Finanzierung von Kriegslasten. Auch hier werden alle besitzenden Bürger des Dorfes als Abgabepflichtige aufgeführt.

Der 30jährige Krieg hat auch in Ehlen seine Spuren hinterlassen. Die noch vorhandenen Kirchenrechnungen aus der Zeit ab ca. 1610 berichten von Plünderungen und erheblichen Belastungen für die Ehlener Bürger. Unsere Kirche wurde in dieser Zeit mehrfach angezündet und ist wohl auch zwei mal vollständig abgebrannt. Dokumente aus 1643 und 1657 zeigen, dass die Bürger erhebliche Anstrengungen unternehmen mussten, die Kirche immer wieder aufzubauen.

Das Hessische Mannschaftsregister aus dem Jahre 1639, ein Verzeichnis aller Orte der Landgrafschaft, der Bürger, die nach dem Krieg übrig geblieben waren, deren Besitz und deren Schulden, zeigt, dass sich die Bevölkerungszahl durch den Krieg erheblich reduziert hatte und dass die Menschen wegen der nicht mehr vorhandenen Zugtiere kaum in der Lage waren, ihre verwüsteten Felder zu bestellen. Diesem umfangreichen Werk ist erstmals ein vollständiges Verzeichnis der Ehlener Ortsbürger (Haushaltsvorstände) zu entnehmen, was für die Familienforschung von besonderer Bedeutung ist, da die Ehlener Kirchenbücher erst ab 1654 vorhanden sind.

 

Nach einer Zeit des Wiederaufbaus wurden die Menschen Mitte des 18. Jahrhunderts wiederum vom Krieg eingeholt. Der 7jährige Krieg hat auch bei uns erhebliche Spuren hinterlassen. Der Isthaer Pfarrer Georg Fülling hat in seiner „Isthaer Chronik“ in bemerkenswerter Weise alle Ereignisse während diese Krieges auch für unsere Region aufgezeichnet. In dieser Chronik werden auch mehrfach die Dörfer Ehlen und Burghasungen genannt. Soldaten lagert im Ort oder vor dem Ort und nahmen den Menschen ihr Essen, stahlen oder schlachteten ihre Tiere, ernteten die Felder ab und verursachten so Hunger und Elend.

 In einer Urkunde aus dem Jahre 1768, welche in der Kugel der Kirchturmspitze gefunden wurde, kann man den Worten des damaligen Greben Georg Werner Knobel entnehmen, dass die Menschen Gott danken, diesen Krieg überstanden zu haben und wieder im Frieden leben zu können.

In diesem Jahre wurde, wie schon oben erwähnt, der obere Teil unseres Turmes abgenommen und wieder aufgebaut, da dieser offensichtlich baufällig war und einzustürzen drohte. In dieser Urkunde wird der Turm als hoch und gefährlich bezeichnet, somit war die Baumaßnahme unumgänglich.

Offensichtlich hatte die Turmspitze vor dieser Renovierung eine andere Form und der Turm war höher als heute. Da es aber weder Bilder noch andere Aufzeichnungen hierüber gibt, kann dies nur vermutet werden.

Die Aufzeichnungen von 1768 enthalten auch eine ausführliche Beschreibung des Lebens der Menschen in Ehlen in dieser Zeit. Es werden alle verantwortliche Bürger des Dorfes und alle Haushaltsvorstände genannt. Für geschichtlich interessierte Menschen und Familienforscher ist dies eine ergiebige Quelle.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war auch unser Gebiet von der französischen Herrschaft und auch den Gedanken der französischen Revolution stark beeinflusst, der erst mit der Beseitigung des Königreichs Westfalen zurückging. Jedoch blieb der Einfluss in den Köpfen vieler Menschen erhalten, was sich in den folgenden Jahren in immer lauter werdenden Rufen nach mehr Freiheit niederschlug. Insbesondere in der Zeit der Revolution von 1848 tat sich eine Person aus unserer Heimat besonders hervor. Johann Heinrich Knobel, Grebe (Bürgermeister) von Ehlen und Mitglied der Kurhessischen Ständeversammlung in Kassel, war als unerschrockener Kämpfer für mehr Freiheiten bekannt geworden. Er  wurde in der Folge für seine Standhaftigkeit massiv bestraft. Nach der Niederschlagung der Bewegung, wurden ihm in seinem Hof in Ehlen für viele Monate sogenannte  Strafbayern“ einquartiert, die er unterbringen und verköstigen musste.

Mit Beginn der „industriellen Revolution“ verschwanden auch in Ehlen viele traditionelle Berufe. In der Folge orientierten sich viele Menschen nach Kassel, um dort Arbeit zu finden. Auch im Bergbau auf dem Habichtswald fanden viele Ehlener eine dauerhafte Beschäftigung. 

 

Die Annexion Kurhessens durch Preußen brachte den Menschen viele Veränderungen in ihrem täglichen Leben. In den Kriegen 1870/ 71 und im 1. Weltkrieg (1914-1918) sind auch in Ehlen viele Kriegstote zu beklagen. 

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs 1918, war das Leben in unserer Gemeinde, wie überall in Deutschland, von Armut und Entbehrungen begleitet. Die Wahlergebnisse aus dieser Zeit zeigen, dass die Sozialdemokratische Partei dominierte. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 veränderte sich das Leben auch in Ehlen. Auch hier gab es wegen der falschen Versprechen, Hoffnung auf ein besseres Leben. Jedoch zeigten sich auch in unserem Dorf die negativen Folgen der Machtübernahme. Bürger wurden verhaftet und in Gefängnissen oder Konzentrationslagern gequält. Letztendlich führte der Zweite Weltkrieg (1939-1945) zum Ende dieser Diktatur, die auch vielen Menschen in unseren Gemeinden das Leben gekostet hat. 

 

Die entbehrungsreichen Nachkriegsjahre waren besonders geprägt durch die Aufnahme von Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten. Trotz der damit verbundenen Probleme und auch Konflikten zwischen den Menschen, ist die Integration dieser Neubürger, wie wir heute rückblickend feststellen können, sehr gut gelungen. Auch Ehlen entwickelten sich in der Folgezeit zu einer stattlichen Gemeinde. Hier wurde im Jahre 1955 das Dorfgemeinschaftshaus, überwiegend in Eigenleistung der Bürger gebaut. Die Integration der Vertriebenen und der Zuzug aus Kassel, führte danach zur Erschließung immer neuer Baugebiete, welche den Ort sehr stark wachsen ließ.

Als im Jahre 1972 das Land Hessen im Rahmen der Gebietsreform Dörnberg und Ehlen der Stadt Zierenberg zuordnen wollte, zeigte sich bei den Bürgern Widerstand. Proteste der politischen Gremien und im Rahmen einer Unterschriftenaktion artikulierte Willenskundgebung der Bürger beider Gemeinden führte zum Umdenken. In der Folge einigten sich Vertreter aus Dörnberg und Ehlen, sich zur Großgemeinde Habichtswald zusammenzuschließen, die nun seit 1972 besteht.